Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu erzählen, daß der Frühling gekommen sei.

Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die Tauwasser gehen.

Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große, schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges, der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.

Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen, liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.

Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.

Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.

Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken, hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben. Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte, strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog. Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den Altersgenossen sei.

Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es, als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen und raunten leise ihre Gebete.

Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und darunter „Gedichte“ stehen würde.