An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter entschlug.
Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen, als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der Au entlang zur Stadt führte.
Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.
Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter zusammen kam.
So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun alle ihre Schönheit willig zeigten.
Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel, den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen, ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.
Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand doch ein unendliches Lustgefühl.
So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.
Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können. Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät. Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher, und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war, zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.
Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.