Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.
So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.
Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.
In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees, und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen, dem Strom.
Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:
Der Himmel so blau und die Welt so weit!
So weit und so schön mein Heimatland!
Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!
Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,
Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,