Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!
Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.
Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich, denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage erzählte, wo ich gewesen – den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich allerdings – und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub, Heini!“
Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.
„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten Vormittag im Garten trafen.
„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre. Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren Bergen!“
Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch: „Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“
Sie sah mich fragend an.
Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“
„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem Staunen.