So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.
Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“
Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise: „Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“
„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“
„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte: „Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“
Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend, ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des Lebenssturmes gefahren war.
Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht im hellen Rosenlicht der Freude.
„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn die ganzen Tage?“
„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da droben ist’s schön!“
Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.