„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“
„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“
Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.
Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen, sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden, Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.
V.
Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen. Wie viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele zu.
Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend, hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten, demütig und geduldig sein.
Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir Unbehagen. Wer auf Höhen will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein, der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug, und meine Sonne hieß: Heri.
In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln, so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.
Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung, aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben. Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber verschmähte jeden Kompromiß und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.