Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er wollte.
Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein, gut, so sollte er es gründlich sein!
Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt. Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe, erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß er schließlich ganz verzagt wurde.
Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“
Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag verpflichtet, mit ihm nichts zu reden. Deshalb zuckte ich mit den Achseln und wollte weitergehen.
Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ – Und nach einer kleinen Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser gehalten als die anderen!“
Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn verhängt worden sei.
Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist, darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn eine Freude an diesen Kindereien?“
„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der Fall wäre?“
„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’ ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch, da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es ist, weiß ich nicht und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja, ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser dein!‘“