Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.
Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte.
In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben würde und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“
Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen Ast flatterte noch grünes Laub.
„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat, die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? – Was ist eigentlich dein Ziel?“
Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte: „Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt nur eines vor: die Menschen, die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“
Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht. Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig, und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ – sein Auge leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden mußte – „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“ Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken – eher sterben!“
Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.
Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.
Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich: „Kennst du Eichendorff?“ Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber noch fremd.