„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du, Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen Platz findet.“
Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der Gedichte Eichendorffs.
Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte, ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.
Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere eigenen Wege.
„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“
Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.
Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief. Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und obwohl ich sicher sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand ich mir: ich liebe Heri!
Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war ja zum wirklichen Glück geworden.
Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt. Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr besorgt gemacht. Als ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt, und als ich am Nachmittag des Ostersonntags – ich war mittags im Schlosse zu Tische geladen gewesen – mit Heri durch den Park schritt, sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer traurig werden und nun sind sie so schön!“