Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“

„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.

Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“

„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß geträumt. Bedenke, selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht sagen.“

Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“

„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung da – na, es ist eben ein Spital! – ist auch nicht danach angetan, heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“

Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.

Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.

„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es gibt keine Hilfe mehr! Da drinnen“ – er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen – „ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll, verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“

Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte, der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half, umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf mir – Heini – ich mag nicht sterben – hilf mir – ich – ich –“