Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.

Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.

Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.

„Es ist bestimmt in Gottes Rat,

Daß man vom Liebsten, was man hat,

Muß scheiden!“

Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen, nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen rinnenden Tränen.

„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.