Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien Sie ein Mann!“
Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie wieder auferstehen: die Freundschaft.
VII.
Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses, ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz des Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte, die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und Erdenleid. Jede Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen. Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander. Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe, die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs Haupt.
Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein Menschengeist sein Wesen faßt.
Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst. Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“ auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen Sinn ein Lächeln abnötigt.
Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt, sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.
Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft und mild und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.
Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein Liebesfrühling von mir ging.
Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es, schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.