Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich leisten und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte, dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir sind ja dein!“
Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu. Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf winkte sie mir.
Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand die Tante und winkte mir freundlich zu.
Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“
Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ – und sie blinzelte mir ermunternd zu – „deine Mutter hat gesagt, sie werde es dir schreiben.“
Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es würde nach Ostern sein!“
So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame Gestalt schlingen.
Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein Herzleiden eingestellt habe.
„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich erschrocken.
„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung beilegen dürfe.