Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt abgewehrt hätte.
Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“
Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“
„Gewiß, Herr Direktor!“
„Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Herr Direktor!“
Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und Wäsche.“
Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen die Blitze ihre blendenden Brände warfen, ich horchte dem Schmettern der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst geweckt werden mußte.
Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.
Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen. Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß, denn die mußte doch wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.