Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.

Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können. Mochte kommen, was da wolle.

Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem Klassenvorstand.

Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die übrigen Schüler vor Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können. Sie aber“ – damit wandte er sich an mich – „fordere ich auf, die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern Abend?“

Ich schwieg.

„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“

Keine Antwort.

„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.

Ich schwieg.

„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten aufsuchen zu können!“