Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden senkrecht zu ihr empor.
Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren, um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.
Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.
Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hochwaldes hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige, da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken. Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!
Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen, verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.
Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern nur ewiges Leben gibt.
Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine Flamme auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.
Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu können.
Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah, unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.
Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann wurde es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los, bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.