Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun auch das Letzte, was mir noch auf Erden verblieben war, versunken und ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin: „Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“
Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum Ausbruch. Meine arme Mutter!
„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als wenn du dich vergrübelst.“
Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht, davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat. Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s: wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich mir’s. – Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern versprochen. – Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“
Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt. Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz lösend und lindernd, kam es über mich.
Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte: „Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“
Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen meiner Mutter.
„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“
„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“