Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls die Hand reichte.
Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug uns der ratternde Zug der Heimat zu.
Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen, die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein verstürmtes Herz ein.
X.
Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie wohl alles geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen, nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln entlocken.
Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt, den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden andrücke, und daß es mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender Umarmung.
Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist überwundenes, ohnmächtiges Leid.
Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte. Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.
Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe, unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem Gefühle und der Hochwald macht die passende Musik dazu.