Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“
Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze, mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum Frieden zu gelangen.
Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.
Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.
Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen, war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand gereicht: „Grüß dich Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus, hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“
Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen, aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“
„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“
Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand. Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.
Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.