„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.

„Ja, ich tu’s aber gern.“

Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle, das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.

Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.

Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini, reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach. Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“

Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz staubig. Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“

So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.

Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können. Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein. Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich unsäglich glücklich machte. Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm. Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten, wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte umzusetzen ist.

Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen, mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in einem süßen, weichen Liede.

Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter demnächst als Güterdirektor des Grafen auf dessen große Besitzung in Böhmen versetzt werden solle.