Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.
So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.
Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern des Gewändes ihre Heimat hatten.
Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin, einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“
Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.
Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium hinausgeworfen worden und damit hatte ich auch die Unterstützung des Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen. Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan endgültig von uns verworfen.
Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster bringen konnte.
Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte, der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen blieb ohne Antwort.
Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber jedesmal ablehnende Antworten, und ich sah bald ein, daß es meine Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob. Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen Menschen nimmt man nicht auf.
Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.