Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen Entschluß.
Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und so willigte sie ein.
Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein. War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit sichtlichem Widerwillen.
Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.
Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren. Einzelne Bauern, mit deren Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben konnte.
Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.
Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere, wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.
Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf besessen hatte, wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend, verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu werden.
Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.
Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein Gedanke aufschnellte, als müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei einen Grund haben.