So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden, er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten, sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen vernichtenden Schlage bewahrt hatte.
Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein glänzendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen Offizierskorps sei.
Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen, so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.
Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes, etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter dem weichen Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde Licht eines neuen Liebesfrühlings.
Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.
Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.
Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten fehlte der überzeugende Ton des Überzeugten; es war mehr wie das eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.
Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden, die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.
Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht mehr verrichten konnte.
Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder sie streiften wohl auch die zarte Beugung des Nackens, die anmutig schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.