Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“

Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“

„Und kannst du mir auch verzeihen –“ flüsterte ich, „du kannst mir das –“

„Sei still, Heini!“

Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen herum, bis Lippe auf Lippe lag.

XI.

Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann. Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen. Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen. Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!

Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!

Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe. Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.

Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!