Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.

Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden. Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen kann.“

So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel glücklich.“

„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.

„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner sein.“

Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.

In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises, schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.

Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel Leid über Marie und mich brachte.

Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten. Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still. Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze Wolken seines herbwürzigen Atems.