Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar nichts, Marieli, gar nichts.“

Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll und die Nacht war still, heiß und schwer.

Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.

Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.

Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.

Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür, ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“

Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.

Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.

Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher, und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.

Und endlich war der Tag da.