Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.

XII.

Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte, da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen. In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.

Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von der Natur sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch, der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen Verwesung, auch den Körper zu zerstören.

Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken, das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge noch in stummer Frage emporrichtend: warum?

Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner Betrachtung aufschreckten.

Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit. Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah in den Himmel hinein.

Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler nach.