Und vor dem Trompetenbaum gedachte er nicht seines geliebten Naturgeschichtslehrers, sondern er malte sich aus:

Wenn ich doch an dem Baum hängen tät’ – einen soliden Strick um den Hals – und es tät’ mir nichts mehr weh, kein Hühnerauge, kein Backenzahn und kein Herz – sondern ich wär’ tot – und die Martha Böhle käm’ vorbei – mit dem Herrn Wittmann neben sich – und se täten mich gucken, und der Wittmann tät’ fragen: »Was is denn das an dem Baum? Hängt dort nicht ein Stehkragen?« – und die Martha tät’ einen Schrei ausstoßen, und das Pralinee blieb ihr im Hals stecken, wo se grad’ dran lutscht – und se tät’ ohnmächtig hinfallen, mitten in die Stiefmütterchen – wo angeschrieben steht »Betreten verboten« – weil se mich doch heimlich geliebt hat und es mir bloß nicht sagen wollt’ – und auf einmal wär’ ich doch noch nicht ganz tot, sondern ich tät’ noch e bißchen mit den Augen zwinkern und tät’ sagen: »Siehst du, das kommt davon, ich verzeih’ dir alles, und jetzt hast de den Salat!« – und ich ...

Benno zog das Taschentuch hervor und wischte sich die Augen.

Das Essen im koscheren Restaurant schmeckte ihm heute gar nicht. Die Klößchen in der Suppe waren lauter Totenschädel aus der Wolfsschlucht, und der stoppelbärtige Joseph schlich umher wie der schwarze Samiel, und sein Frack verriet deutlich, daß in der Hölle mit Gänsefett geschmort wird.

»Herr Stehkrage,« wandte sich Joseph beim Kompott an ihn, »Sie sin doch e gescheiter Mann, Se gehen auf die Börs’ und haben auch sonst eine Bildung, sagen Se merr im Vertrauen: Was geht in der Politik vor? Se wissen, ich hör’ nie zu, was die Gäst’ miteinander reden, aber sie sprechen jetzt fortwährend vom Krieg. Ich sag’ Ihnen, ich bin jetzt so nervös, gestern abend hab’ ich’n Teller fallen lassen mit Rindsgulasch, für eine Mark zwanzig Rindsgulasch, auf dem Herrn Jakob Rosenthal seine gestreifte Hos’ – ich hab’ geglaubt, die Welt geht unter, so hat der Herr Rosenthal angestellt! Unn Ihne Ihr Abonnementskaart is aach abgelaafe!«

Benno gab ihm keine Antwort, zahlte die neue Karte und ging.

Er gab aus Versehen eine Mark fünfzig Trinkgeld, und damit war der Moment eingetreten, den der stoppelbärtige Joseph schon lange prophezeit hatte: Benno war in Josephs Augen meschugge geworden.

Zu Hause empfing ihn Frau Petterich mit lautem Weinen. Sie stand vor dem Schuppen des Hofes, vergoß Tränenströme und jammerte: »Heut is mei’m Schorsch-selig sei’ Gebortsdag ... Siwweunverzig Jahr wär’ er heut geworn, wann er’s noch erlebt hätt’! Ach, so e scheener Mann unn hat so frieh schderwe misse. An sei’m letzte Gebortsdag hawwe merr noch en Mordskrach mitenanner gehabbt, da hat’r den Leimtopp nach merr geschmisse unn de Pinsel hinnerdrei’! Ja, des war’n selige Zeite! Unn nachts im Bett hat’r mich so sieß um Verzeihung gebete, unn seit dere Zeit muß ich immer heule, wann ich den Schuppe seh’. Ach, wenn er nor noch lewe dhät, er derft merr ja jedden Tag sei’ ganz Handwerkszeug an de Kopp werfe, ich dhät’ gewiß nix sage, ich bin ja so e schweigsam’ Fraa!«

Benno ließ sie stehen und ging auf sein Zimmer.

Das kleine Mariechen kam herein und rief triumphierend: »Null Fehler hab’ ich im Diktat. Und das Fräulein hat gefragt, ob mir jemand bei den Rechenaufgaben geholfen hätt’? Aber ich hab’ nix verraten, sondern ich hab’ gesagt: Fräulein, wo denken Se hin!«