Sie erwartete ein Lächeln Bennos.
Aber Benno lächelte nicht.
Es war heute ein schlimmer Tag für ihn, und während er nun mit dem Mariechen Schulaufgaben machte, geschah ihm neues, unerwartetes Leid.
Die Kleine hatte das Chamissosche Gedicht »Die Sonne bringt es an den Tag« auswendig zu lernen, und als sie an die Stelle kamen: »Da kam mir just ein Jud in die Quer«, frug er sie in Gedanken: »Was ist denn das, ein Jud?«
»E Judd?« antwortete das Mariechen. »Das is ein böser Mensch.«
Benno wurde kreidebleich und biß sich auf die Lippen.
Wer hatte dem Kind diese Gehässigkeit beigebracht? Oder redete es nur eine gewissenlose Dummheit nach, die es von Erwachsenen gehört hatte?
Er hätte dem Kind eine lange Rede halten können, er hätte ihm sagen können, daß Gott nicht nach Konfessionen richtet, sondern daß es vor ihm nur gute und schlechte Menschen gibt, er hätte ihr erhabene Beispiele aus der Leidensgeschichte seines Volkes erzählen können, ihm schwebte die Frage vor: »Mariechen, du kennst mich doch? Auch ich bin ein Jud. Bin ich ein schlechter Mensch?« Doch eine unsichtbare Macht hielt ihm die Lippen zu.
Nur kam ihm ein echt Benno Stehkragenscher Gedanke: er nahm sich vor, am nächsten Abend Mariechen mit in den Tempel zu nehmen.
Der Nachmittag in der Bank ließ sich noch trübseliger an als der Vormittag.