Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wäre, oder ein »Gegner« Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrünstig, und vor Bismarck besaß er einen tiefen, beinahe ängstlichen Respekt.

Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das Denkmal eines Stadtgärtners, der sich um die Anlagen besonders verdient gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgärtners hatte dem Reichsgärtner Platz machen müssen und war an eine weniger verkehrsreiche Stelle der Anlagen versetzt worden.

Und das verzieh Benno der Stadt nicht.

Damals hatte er in Gedanken eine große Rede zugunsten des alten Stadtgärtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasaß, als wollte er jedem Vorübergehenden einen guten Tag wünschen, eine große Rede über das bittere Thema: »Immer müssen die Kleinen den Großen den Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.«

Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch für den geringfügigen Anlaß, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, daß er diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten hatte.

Der Trompetenbaum war besichtigt – »Trompetenblüte«, das wäre eigentlich eine ganz schöne Morgentitulation für Fräulein Böhle gewesen; die Blumennamen gingen ihm sowieso aus – und Benno kam auf dem Roßmarkt an.

Diesen Platz liebte er.

Sah man doch von ihm aus zwei Denkmäler von Männern, denen er die heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.

Und er dachte: Wenn ich da droben der Gutenberg wär’ – und ich tät’ die vielen Menschen mir zu Füßen ’erumwimmeln sehen – die vielen, miesen Menschen – und könnt’ nicht davonlaufen – weil mich der Fust am Rockzipfel festhalten tät’ – und könnt’ merr nicht die Haar’ ausraufen – weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp’ aufgesetzt hat – ich tät’ sagen: »Ihr Menschen,« tät’ ich sagen – »is es e Wunder – daß euer Gemüt beständig friert – und euer Herz den Schüttelfrost hat – und eure Seele den Schnupfen? – An dem heiligen Feuer der Kunst geht ihr vorüber – und wollt euch wärmen an dem Streichhölzchen des Amüsements! – Was gründet ihr ewig Kinos – und Tingeltangels – und Kabaretts – und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? – Für das Veilchensträußchen, das ihr einer Chansonette zuwerft – die ihr’n Rock hochgehoben hat – weil se mit Recht findet, daß sie im Schmutz watet – könntet ihr euch fünf Reclam-Bändchen kaufen – und könntet für zwanzig Pfennig mit der Jungfrau von Orleans – oder der Iphigenie – oder dem Klärchen – das Wasser des Lebens trinken, – statt mit einer baufälligen Schickse für zehn Mark gepanschten Sekt! – Seid ihr überhaupt wert, daß die Buchdruckerkunst erfunden worden is?« – Und während ich, der Johannes Gutenberg, so red’, seh’ ich plötzlich aus der Junghofstraß’ e Licht näherkommen – und das is ein Blondkopf – und es is der Fräulein Böhle ihr Kopf, der da kommt – und ihr Leib kommt natürlich auch – und ich spring’ herunter von dem Sockel – und der Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behält meinen Rockzipfel in der Hand – wie die selige Potiphar dem Joseph seinen Paletot – und er tät’ verdutzt ausrufen – ganz wie damals die Potiphar: »No, was is?« – und ich tät’ schreien: »Fräulein Böhle, für dich hab’ ich die Buchdruckerkunst erfunden – ich, Benno Stehkragen – und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt dir« – und dann ...

Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der entschieden bestritten hätte, verliebt zu sein.