Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewählt, durch dessen Fenster er nichts erblickte als die Rückwände der Nachbarhäuser, Fenster mit verblichenen Vorhängen, Küchenbalkone, die oft genug als Reserve-Rumpelkammern dienten.

Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Fräulein Rita von Veldern schuld – jenes Fräulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedächtnis beinahe ausgelöscht hatte.

Die Sache war so:

Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.

Er wohnte bei der streng rituell jüdischen Familie Seligmann, die ihn wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Erörterungen frönen können, und wenn die soziale Frage, das Rätsel des Fortlebens nach dem Tode und das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgültig gelöst sind, so kommt das einfach daher, daß niemand die Abendgespräche dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden mitstenographierte.

Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte.

Dort saß sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und »freute sich, wenn kluge Männer reden, daß sie verstehen konnt’, wie sie es meinen«.

Die Stunden zwischen Geschäftsschluß und Abendessen verbrachte Benno in der Regel in seinem Zimmer.

Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine Frauenstimme singen hören:

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt ...