Am nächsten Abend ertönten freilich nur Vokalisen und leichte Gesangsetüden. Das war wenig genußreich für Benno, aber er war vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Übel notwendig war.
Dafür wurde er zwei Abende später reichlich entschädigt: er bekam nicht nur das schöne Schumannsche Lied mehrfach zu hören, sondern auch den dankbaren »Lenz« von Hildach und das flott-triviale »Noch sind die Tage der Rosen«.
Lauter Frühlingslieder! sagte er sich. Es muß ein junges, frisches Geschöpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.
Er konnte ja nicht wissen, daß die unbekannte Sängerin diese drei Lieder für das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger« einstudierte.
Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er wartete und sich freute.
Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttäuschung und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn über die Seele des Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.
Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang ertönte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.
Viertes Stockwerk – also gehörte die Sängerin der weniger bemittelten Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefühl heraus, angenehm.
Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen einflößte, ließ darauf schließen, daß die Besitzerin keineswegs an Geldüberfluß litt.
So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Könnte die Antonie Hochberg von der Bockenheimer Landstraß’ nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons dazu verwenden, einem armen talentierten Mädchen ein anständiges Klavier zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband hätte sie zu opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!