Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen übrigens der dicken Antonie Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in der Tat sehr wohltätig war.

Bennos Interesse an der Sängerin wuchs von Tag zu Tag.

Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:

Wenn ich das alte Klavier wär’ – und ich wär’ seit drei Jahren nicht gestimmt – und nicht gereinigt – sondern meine Tasten täten aussehen wie schlecht geputzte Zähn’ – und es kämen zehn rosige Mädchenfinger – und täten auf merr ’erumtippen – bimbimbim in die hohen Tön’ – und bumbumbum in die tiefen Tön’ – und so schnell, als wär’ ich e Schreibmaschin’ – ich tät’ alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch den Schmerz – und tät’ klingen wie e Konzertflügel für monatlich hundertfünfzig Mark Abzahlung – oder dreitausend Mark bei Barzahlung! – Und alle Leut’ müßten sagen, die auf dem Klavier spielen täten: »Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schönen Ton!« – und wenn die schöne Sängerin auf die Pedale treten tät’ – dann tät’ ich nicht etwa stöhnen: »Au, meine Hühneraugen!« – sondern ich tät’ nur denken: »Was se für reizende, kleine Füßchen hat! – Ihr ganzer rechter Fuß is kaum so breit wie bei mir die linke große Zeh’« – und ich wär’ das glücklichste Klavier auf der Welt – und ich ...

Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sängerin zu machen.

Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno nähere Beziehungen angeknüpft hatte, war die Göttin Phantasie, ein heidnisches Fräulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.

Benno begann, die weiblichen Köpfe in den Schaukästen der Photographen zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung von der Sängerin entworfen hatte.

Die einen waren ihm zu selbstbewußt, die anderen zu schmächtig, jene zu walkürenhaft, diese zu unbedeutend.

Blond, jung, mit großen, träumerischen Augen stellte er sich das Mädchen vor, dessen Stimme ihn behext hatte.

Eines Abends, als er sie wieder singen hörte, trat er vor den Spiegel und beschwor ihn: