O ja, das wußte die gute Frau sehr genau. Sie hatte ein großes Interesse an der Adresse, denn die »Bagasch« war ihr noch Geld für Waren schuldig. Und nicht nur ihr, sondern fast sämtlichen Geschäften in der Nachbarschaft.
»Uff’n Sachsehäuser Berg sin se gezoge. Vielleicht dhun ihne de Sachsehäuser noch ebbes bumbe, die Frankforter dhun’s net mehr!«
Die volle Wahrheit über Rita von Veldern, geborene Katharine Käsberger, erfuhr Benno auch hier nicht.
Nur so viel hörte er aus der lieblosen Schilderung heraus, daß die Rita ein armes Geschöpf war.
Und das war sie in der Tat.
Ursprünglich war Katharine keineswegs zur Künstlerin bestimmt gewesen. So schwarze Pläne hegte der Schornsteinfeger nicht mit seiner Tochter. Er hatte sie vielmehr als Lehrmädchen in ein großes Warenhaus gesteckt, wo sie alsbald in die Geheimnisse des Wareneinpackens und Verschnürens eingeweiht wurde.
Nebenbei nahm sie Schreibstunden, denn ihre Schriftstücke hatten bisher stets ausgesehen, als habe ihr Vater beim Nachhausekommen vom Beruf sich die Hände daran abgewischt.
Der Schreibunterricht hatte befriedigenden Erfolg, und es läßt sich nicht leugnen, daß die heimlichen Zettelchen, die sie nach etwa einjähriger Lehrzeit einem Kommis der Seiden-Abteilung zukommen ließ, eine bedeutend bessere Handschrift aufwiesen als der Briefwechsel, den sie ein halbes Jahr zuvor mit einem Buchhandlungsgehilfen postlagernd geführt hatte.
Den Gesang übte sie damals nur als Dilettantin aus; sie sang wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet, nur nicht so schön.
Und sie dachte nicht daran, diese Gabe Gottes als Erwerbsquelle auszubeuten – bis zu jenem verhängnisvollen Abend, an dem sie im Verein »Die lustigen Rauchfänger« das ergreifende Lied vortrug von dem schlechten Kerl, der »mich nie geliebt« hat. Und als Zugabe das Baßlied von der »Krone im tiefen Rhein«, für Sopran bearbeitet.