»Ich wäre es beinahe einmal gewesen,« belehrte sie ihn freundlich. »Das Lebrechtchen hier ist die Verlobungskarte. Aber die Verlobung ging zurück. Lebrecht, gib dem Herrn die Hand!«

Lebrecht streckte Benno die Zunge heraus.

»Er kennt Sie noch nicht,« erklärte Rita das eigentümliche Verhalten ihres Sprößlings. Und fügte lächelnd hinzu: »Auch ich kenne Sie noch nicht. Wer sind Sie eigentlich?«

»Wer ich bin?« sagte Benno, als Lebrechts Mund endlich mit einem mütterlichen Konfektstück gestopft war, im Weitergehen. »Wer ich bin? In der Hauptsach’ bin ich e Buckel. Ich bin – hm, wie soll ich das ausdrücken? – ein Etwas, das so lange Zahlen geschrieben hat, bis es selbst ein Null geworden is. Sie finden meine Verdienste in keiner Literaturgeschichte, in keinem Geschichtsbuch und in keinem Konversations-Lexikon. Und zu allem Unglück heiß’ ich auch noch Benno Stehkragen. Aber ich glaub’, ich hab’ kein schlechtes Herz – nur, wie mitunter die delikateste Leberwurst in schofles Zeitungspapier eingewickelt is, so is mein Herz eingewickelt in meine schofle Gestalt. Und ich frag’ mich manchmal selbst, wenn ich morgens beim Aufstehen im Nachthemd vor dem Spiegel steh’: bin ich wirklich ein menschliches Hauptwort in dem großen Buch der Schöpfung oder bloß en Druckfehler? Ich bin emal auf dem Rhein gefahren, und wie die Lorelei mich geguckt hat, hat sich vor Schreck ihr goldenes Haar entfärbt, und se hat ihren Frisierkamm ins Wasser fallen lassen, und ihr Lied is ihr im Hälschen steckengeblieben – und da steckt’s heut’ noch drin! Seit der Zeit singt se nicht mehr. So, jetzt wissen Se, wer ich bin!«

Solch krauses Zeug redete Benno der erstaunten Katharine vor, die nicht wußte, sollte sie lachen oder ernst bleiben.

»Und weshalb grüßen Sie mich immer?« frug sie. »Ich kenne Sie doch gar nicht.«

»Kennt mich der Mond?« gab Benno zurück. »Und doch grüßt er mich jeden Abend! Außer es is grad Neumond.«

Und nun erzählte er ihr, wie viele schöne Augenblicke er ihr schon verdankte, und daß es ihm ein Bedürfnis gewesen sei, sie zu grüßen, ohne daß er sie deshalb mit dem Mond oder sonst etwas Astronomischem vergleichen wolle.

Und jedesmal, wenn in ihrem Gesang der Himmel still die Erde geküßt hätte, hätte er, Benno, in Gedanken ihr kleines Händchen geküßt. Und er bitte nachträglich tausendmal um Entschuldigung.

Katharine fühlte sich durch diese Huldigung geschmeichelt und erfreut. Und auch in Benno keimte eine frohe Gehobenheit.