»Sie gehören ja auf den Affe’stein![1]« hatte Benno ihn barsch zurechtgewiesen. »Ich heirat’ überhaupt nicht. Mit mir stirbt mei Geschlecht aus. Bloß meine Seitenlinie, der Apollo von Belvedere, pflanzt sich noch fort.«

[1] Frankfurter Irrenanstalt.

Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlässigte, an Enttäuschungen gewöhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen Sympathie.

So standen die Dinge, als plötzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.

Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mußte der freundliche Schimmer jener harmlosen, allmählich zu einer angenehmen Gewohnheit herabsinkenden Freundschaft verblassen.

Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Veränderung, die mit ihrem Mieter vorging. Aber da ihr Marthas Existenz unbekannt war, führte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine Käsberger zurück, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie »net rieche« konnte.

»Haww ich’s net gesacht?!« jammerte sie. »Jetz is es bald werklich so weid! Awwer des sag’ ich Ihne: Ich geh’ net zu Ihrer Trauung, ich net! Wann’ s dem Esel zu wohl is, geht er uff’s Standesamt! En Ring sollt’ merr Ihne dorch de Nas’ ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle! Ich sag’s ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt’s kaa vernümfdige Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig – ach, so aan find ich meiner Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass’! Danze hat er könne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze – der geborene Balletöserich! Dorch’s Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn liewe gelernt. An eme Sonntag war’s, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf Glas Bier haww ich’m bezählt, unn nach’m sechste hat er merr ewige Treu’ geschworn. Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt! Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse awwer net glaawe, daß ich net vielleicht aach noch annerne Partiee hätt’ mache könne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war aach emal jung unn schee – so schee werd’ Ihne Ihr hochgeborenes Fräulein Käsberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd! Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese, der wär beinah wege mir in de Mää gehippt, glicklicherweis’ war er damals grad zugefrorn! Unn der Ausläufer Philipp vom Schepeler, der hat sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfähig war er. Godd, wann ich draa denk, wie ich emal mit’m Philipp beim Bamberger gedanzt habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh’ ich die Herrn habb mitenanner bekannt mache könne, hat der Philipp schonn verbunde wer’n misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbär, Muskele, sag’ ich Ihne, so dick wie Ihr Buckel! Unn hat doch schderwe misse. Es is e Kreuz!« – –

Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den Sachsenhäuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Träumen nachhängen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschließen und ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort aussieht.

»Guten Abend, Herr Stehkragen!« begrüßte ihn Mariechens frohlockende Stimme im Hof.

Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als Sommerwerkstätte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.