Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte, er sah die Quelle über die vom Eisengehalt des Wassers geröteten Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:
Wenn ich jetzt an dem Königsbrünnchen säß’ – mit einer großen Angel – und einem Regenwürmchen vorn dran – weil die Fische auf einen leeren Angelhaken nicht anbeißen – (so dumm sind nur die Menschen) – und ich tät’ nix fangen – weil’s in dem Königsbrünnchen überhaupt keine Fische gibt – sondern es ging’ mir wie dem Fischer von Goethe – und die Flut tät’ sich plötzlich teilen, und es käm’ eine von den Wassernixen hervor – die’s in dem Königsbrünnchen auch nicht gibt – und die Wassernix’ tät’ sagen: »Schöner Jüngling,« tät’ se sagen – »legen Se ab und kommen Se herein« – und dabei tät’ se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um meinen Hals legen – und küßt’ mich – und ich wehr’ mich nicht, denn warum auch? – und plötzlich fällt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht – und es ist die Martha Böhle – und ...
Und plötzlich schlug Benno Stehkragen die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Es war spät in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschluß war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr sagen, daß er ihr Sklave sei für alle Zeit, und daß sie ihn erhöhen oder vernichten müsse.
Er hatte den Hausschlüssel vergessen und mußte deshalb seine Wirtin aus dem Schlaf schellen.
In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen Fünfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe herunter.
»Schonn dahaam?« frug sie bösgelaunt über die Störung. »Sie war’n wohl beim Ebbelwei?«
»Ja, ich war beim Äpfelwein,« log Benno.
»So? Des nächstemal iwwernachte Se nor aach gleich im Wertshaus! Odder maane Se, ich habb Lust unn bild’ mich wege Ihne zum Nachtwächter aus?«
Schuldbewußt stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.