»Ist die Menschheit nicht närrisch? Weshalb nimmt man nicht einfach das Mädchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fährt se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Füllfederhalter heraus, unterschreibt, fährt heim und is verheiratet? Weshalb muß man vorher erst eine Liebeserklärung loslassen und Sonne, Mond und Sterne beschwören und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf stammeln? Weshalb genügt es nicht, daß man fühlt? Weshalb muß man die Gefühle auch noch in überschwengliches Deutsch bringen?«

Benno wälzte sich auf die rechte Seite.

»Überhaupt, will ich sie denn heiraten? So weit sind wir doch noch gar nicht. Weiß ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: ›Herr Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess’ gern Grünekernsupp’, vor der’s Ihnen graust – Herr Stehkragen, das wird keine glückliche Ehe!‹

Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?«

Benno wälzte sich auf die linke Seite.

»Wenn mir’s nur einer vormachen wollte! Natürlich nicht bei der Martha. Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der doppelten Buchführung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher Liebeserklärung?«

Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung.

Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bücherschrank und nahm einen Band Shakespeare heraus.

Er wollte in »Romeo und Julia« nachsehen, wie’s der Romeo gemacht hatte.

Den Band im Arm kroch er ins Bett zurück und blätterte krampfhaft.