Wenn ihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele – wie im Schiller – mitten zwischen die Salonlöwen und die Parkettigerinnen – und sie tät’ zu mir heraufrufen: »Herr Delorges Stehkragen – ei, so hebt mir den Handschuh auf!« – ich tät’ herunterrufen: »Edles Fräulein Kunigunde Hochberg,« tät’ ich rufen, »wie kommen Se merr vor? – Heut abend bin ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen muß – heut abend bin ich der Kunstgenießer und Kunstmäzen Ritter Benno – und ich sitz’ so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der König auf seinem unnumerierten Thron – und von mir aus kann auch noch Ihr zweiter Handschuh hinunterfallen – und Ihre Brillantenausstellung – und Sie selbst dazu – ich seh’ gar nicht einmal hin nach Ihnen – denn ich schwärm’ für ein junges Mädchen – das mir gegenüberwohnt am Kontorpult – und goldene Haare hat – und ...«

Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann. Wie ein Kind freute sich Benno über die Regiewunder dieses Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung hervorzaubern kann.

Er amüsierte sich herzlich über die tanzenden Skelette, über die Totenschädel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.

Und als gar der Höllenfürst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem stolzen Bewußtsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsüber Coupons nachzuzählen und Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge zu gehen, als sich mit dem wilden Jäger in Duzbrüderschaft einzulassen, seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine herumläuft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln zu gießen.

Benno fühlte sich erleichtert, als der höllische Spuk vorüber war und die Leute aus dem Zuschauerraum strömten, um sich während der großen Pause zu ergehen.

Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg, klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Käsbergers strahlendes Gesicht.

Herr Käsberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hände quälten sich in schwarzen Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Größe.

»Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, daß Se zu dem Erfolg von meiner Tochter gekomme sin!« sprach er so laut, als ob er sich an seinem Stammtisch befände. »Ich habb Se schonn die ganz’ Zeit mit de Aage gesucht, awwer ich habb’ Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb’ kaan Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer’ doch an der Garderob’ kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!«

Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht, den alten Käsberger abzuschütteln.

So drängten sie sich nebeneinander durch das Foyer.