Vater Bindegerst winkte noch einmal kurz mit der Hand, dann drehte er
sich um und ging heim. Das Gewissen schlug ihm, er verfiel in
Selbstvorwürfe und indem er die Bahnsteigkarte abgab, murmelte er, zum
Erstaunen des Schaffners: »Ich hätt's #doch# net dhun solle!«
Katharina schmiegte sich trotzig in den Eckplatz, starrte die Decke an und schmollte. Denn dies ist die Universalwaffe aller Frauen, die im Unrecht sind.
Mit diesem Zug fuhr Adolf Borges direkt in die Hölle.
Vater Bindegerst saß einsam in seiner Werkstatt und drechselte an einem Spazierstock. Es sollte ein kleines Kunstwerk werden: den Griff bildete ein Affenkopf mit fletschenden Zähnen, und gerade war Meister Bindegerst dabei, in diesen Kopf die braungelben Glasaugen einzusetzen.
Unser Meister fühlte sich mehr als Künstler denn als Zoologe, und so ist es begreiflich, daß man den Affenkopf auch recht gut für einen Kaninchenschädel oder eine Bulldogge halten konnte; ja, der geschmackvolle Käufer dieses Spazierstockes äußerte sogar, als er ihn erstand: »Schad, daß der Rehbock kaa Geweih hat!«
Vier Tage schon war Bindegerst nun Junggeselle. Das junge Paar hatte noch nichts von sich hören lassen, und er war darüber keineswegs erstaunt. Kannte er doch sein holdes Töchterlein viel zu gut, als daß er hätte befürchten können, sie werde die Verschwendung einer Ansichtspostkarte an ihn dulden.
Katharina war geizig. Noch viel geiziger, als es die Natur bei der
Verteilung weiblicher Reize gegen sie gewesen war.
Der liebe Gott und der Teufel sind scharfe Konkurrenten, und hat der liebe Gott den Adam nach seinem Ebenbilde geschaffen, so ließ es sich der Teufel nicht nehmen, manche Eva nach dem seinigen zu bilden. In der Person Katharinas war ihm ein Prachtexemplar gelungen, und alle in der Hölle schmorenden Kunstkritiker (und das waren nicht wenige) stimmten darin überein, er habe zu Katharina seine eigene Großmutter als Modell genommen.
Bindegerst nutzte die Abwesenheit seiner Tochter nach Kräften aus. Er ließ an dem Glaslüster seiner Werkstatt sämtliche Flammen brennen, denn nun war ja niemand da, der sie ihm bis auf eine vor der Nase ausschraubte und dabei keifte: »Du findst wohl Dei Geld uff der Gass'? Odder bistde vielleicht an dere Gasgesellschaft #bedeiligt#?! Ei, ich dhät merr an Deiner Stell noch e Petroliumlamp uff de #Hinnern# binde, daß die Illumination fertich is!«
Gott sei Dank, jetzt war niemand da, der so etwas sagte.