Und er konnte jetzt auch, wie Hans Sachs in den »Meistersingern«, zu seiner Arbeit sein Lieblingslied singen, ohne daß sich plötzlich ein bissiger Kopf in der Türe zeigte und ihn anschrie: »Hör uff mit dem Gegröhl! Sonst laaft die Milch zusamme!«
Und Meister Bindegerst sang doch so schön! Nur konnte man bei seinem Lied, wie bei dem Affenkopf des Spazierstocks, nicht recht unterscheiden, was es eigentlich vorstellen sollte! Dafür aber sang er stets fortissimo. Denn was ein richtiger Musiker ist, der ist nicht zimperlich.
Vor allem aber konnte sich der unbeaufsichtigte Herr Papa jetzt einmal gründlich seiner heimlichen Geliebten widmen.
Ja, Vater Bindegerst hatte eine stille Liebe. Nicht etwa, wie schlechte Menschen vermuten werden, ein weibliches Wesen, — o nein, seine Geliebte war keines der Geschöpfe, die unsere Liebe so oft mit Undank lohnen, die einen Herkules an den Spinnrocken demütigen, einem Simson die Haare schneiden und als Honorar für ein bißchen Schleiertanz einen Heiligenkopf fordern, nein, seine Geliebte war jenes Wesen, das noch keinen Anbeter unerhört gelassen hat und dem dennoch jeder Liebhaber dauernd treu bleibt: seine Geliebte war der Alkohol.
Was für eine musterhafte Geliebte ist doch der Schnaps! Sie beansprucht keine neuen Röckchen, Blusen und Spitzenhemdchen, sie ist jahrein, jahraus mit dem schlichten Gewande einer alten Glasflasche zufrieden. Sie beansprucht nicht, ins Theater, Kino und Kabarett geführt zu werden, sie begnügt sich mit dem dunklen Plätzchen unter einer Drechslerbank. Sie sucht sich keine modernen Hüte aus und läßt dir die schreckenerregende Rechnung schicken, nein, sie trägt im Frühling, Sommer, Herbst und Winter denselben abgebrochenen Korkstopfen.
Und überkommt dich die Stunde der Zärtlichkeit und du kneifst sie zur Einleitung in die Wangen, so murrt sie niemals: »Laß mich! Ich bin jetzt nicht aufgelegt!«, sondern sie lächelt dich, verführerisch wie immer, an: »Trinke merr noch e Tröppche!«
Herr Drechslermeister Bindegerst war nicht der Joseph, einer solchen Verführungskunst zu widerstehen. Alle Viertelstunde hörte er es unter der Drechslerbank hervorkichern, und galant und ritterlich faßte er alsdann die Geliebte um die glatte Taille, hob sie ans Tageslicht oder ans Gaslicht, drückte auf ihren Hals seine trockenen Lippen, wischte sich nach einem langen, langen Kuß mit dem Handrücken den Schnabel und stellte fest: »Es schmeckt scheußlich, awwer 's is nahrhaft! Der Mensch is e Maschin unn muß von Zeit zu Zeit geölt wern! No, öle merr noch e Tröppche!« …
Seine Hoffnung, das neue Ehepaar dauernd ausquartieren zu können und
Alleinherrscher im Hause zu werden, hatte sich freilich nicht erfüllt.
Wohl hatte Adolf, der Nachgiebige, dem Vorschlag beigestimmt, aber
Katharina hatte höhnisch erklärt: »Nix do! Die Wohnung nemme #mir#! Unn
du ziehst enuff ins Dachstibbche!«
Und mit gewohnter Tatkraft hatte sie sogleich mit dem Umräumen begonnen. Sie brauchte dazu keinen Dienstmann, ihre robusten Arme bewältigten die schwersten Kisten und Kästen mühelos.
Adolfs Habseligkeiten wanderten treppabwärts in die kleine
Dreizimmerwohnung, und des Vaters kleine Schätze stiegen hinauf in den
Giebel.