Er dachte in diesem Augenblick nicht daran, wie mühsam er seine Ersparnisse gemacht hatte, wieviel Jahre seines armen Lebens er dafür gefrohnt hatte, wie er sich jedes Vergnügen versagt hatte, um nur pünktlich den programmäßigen kleinen Betrag am Sparkassenschalter abliefern zu können.

Er dachte nicht daran, daß er auch jetzt noch sich nicht die kleinste
Extraausgabe leistete, während Bindegerst in schnapsfröhlichem
Faulenzertum dahindöste.

Er sah nur, daß er hier helfen konnte, und je mehr er darüber nachdachte, desto klarer erschien es ihm eine ganz einfache Pflicht, dem Alten seine Ersparnisse anzubieten.

Bindegerst ließ ihm Zeit. Er sagte sich, daß er jetzt die Gedankengänge
Adolfs nicht stören durfte.

»Da laaft er hie unn her,« kicherte er in sich hinein, »unn bildt sich ei', er dhät sich de Fall iwwerlege! Dabei laaft er nor in dem Käfig erum, den ich 'm mit meim Gebabbel gebaut habb! Unn was'r sich in seim dumme Kopp zusammereimt, des is all grad so, als ob #ich#'s em in die Fedder diktiert hätt! Adolf, was bistde e Olwel!«

Ach ja, Adolf #war# ein Olwel. Denn alle guten Menschen sind Olwel. Ein gutes Herz ist eine klare, reine Quelle, — aber aus einer Quelle trinken nicht nur die fröhlichen Wanderer, nicht nur die lieben Singvöglein, sondern auch die raublüsternen Marder sättigen sich darin, und jedes vorbeitrampelnde Schwein steckt seinen Rüssel hinein. Es ist nicht wahr, daß man durch Schaden klug wird. Durch Schaden wird man höchstens #schlecht#. Und es gibt so gutmütige »Olwels«, daß sie durch Schaden immer dummer statt klüger werden, weil sie nie auf Dank gerechnet haben, sondern in dem Bewußtsein, etwas Gutes zu tun, eine Belohnung empfinden, die kein Schaden mindern kann.

Und so ein Olwel war auch Adolf Borges.

»Ich waaß aan', der wo Derr des Geld bumbe kann!« sagte er und freute sich seines Entschlusses. »Adolf Borges haaßt er, unn morje gehn merr zusamme uff die Sparkaß!«

»Awwer naa!« sagte Bindegerst. »Des kann ich doch net verlange! Des kann ich gar net aanemme!«

»Warum dann net?« sagte Adolf und war beinahe beleidigt. »Es bleibt doch in der Familje! Erbt halt emal der Vadder vom Sohn, statt umgekehrt!«