Die Strenge der Mutter trug übrigens gute Früchte, der kleine Schreihals gewöhnte sich bald das nächtliche Konzertieren ab.
Auch im Geschäft erzählte Adolf von seinem Wunderkind. Er sah nicht die ironischen Blicke, die die Angestellten bei seinen begeisterten Schilderungen austauschten, er hörte aus den scheinbar teilnehmenden Fragen nach Einzelheiten nicht den losen Spott heraus. Er hielt es für aufrichtiges Interesse, wenn sie ihn ausforschten, wieviel das Gustavchen an Gewicht zugenommen habe, wieviel es getrunken habe, und wie es mit seinem Stuhlgang stünde.
Mitten in seiner Arbeit überfielen ihn Zärtlichkeitsanfälle, heftigere noch als damals in seiner Bräutigamszeit. Hatten ihn damals die Putzfrauen dabei erwischt, wie er vor einer Modellfigur niederkniete, so erwischte ihn jetzt der eklige Kassierer dabei, wie er ein frischgeschnürtes Paket gleich einem Wickelkinde in den Armen wiegte und so tat, als kitzle er's unter dem Kinn: »Du-du-du, — wie lacht das tleine Dustavchen?«
Das war dem Gestrengen doch zu bunt, er ging zu Herrn Schröder, sich zu beschweren. »Herr Schröder, des geht net mehr so weider mit'm Adolf! Der werd ja ganz verrickt!«
Aber der dicke Herr Schröder gab Denunziationen grundsätzlich kein Gehör. »Werd er for #Ihr# Geld meschugge, odder for #meins#? — No also!« fertigte er den Angeber ab.
Da Adolf sich in seinen Gedanken unausgesetzt mit seinem Kinde beschäftigte und im Geiste mit ihm die lieblichsten Gespräche führte, passierte es ihm, daß er, als ihn Herr Feldmann rief, antwortete: »Tleich tomm ich, Herr Feldmann! Tleich!«
Da wollte der Chef ernstlich böse werden, aber sein dicker Teilhaber besänftigte ihn: »Lass'n, Hermann! Merr muß Geduld mit'm hawwe: er hat noch e bissi 's Wochebettfiewer!«
Adolf erhoffte von dem Kinde eine glücklichere Gestaltung seines
Ehelebens, er glaubte fest, dieses Kinderherz müsse der paradiesische
Boden sein, auf dem sich die Eltern nach so langem Mißverstehen finden
müßten.
Ach, und gerade durch das Kind erhielt ihr Zusammenleben den tiefsten, unheilbaren Riß.
Ungefähr ein halbes Jahr war Gustavchen alt, als Katharina Sonntags, nach dem Mittagessen, anordnete: »Vadder, geh enuff, Dei Middagsschläfche mache, ich habb mit'm Adolf zu redde!«