Ein andermal setzte er sich im Walde ermüdet nieder, legte den Kopf auf einen kleinen Hügel, der sich alsbald als Ameisenhaufen entpuppte.

»So is des ganze Lewe!« sprach er und erhob sich betrübt. »E Ameisehaufe! Unn da soll merr seine Eltern noch dankbar sei', daß se ein in so was eneisetze!«

Und er griff sich melancholisch in den Kragen, um die hurtigen Tierchen, die seinen Hals als Tanzplatz benutzten, zu entfernen.

Selten leistete er sich den Genuß, des Abends in einer Kneipe zu einem Glas Bier oder einem Schoppen Äpfelwein einzukehren. Friedlich schichtete er daheim in der Waschtischschublade die kleinen Ersparnisse aus seinem bescheidenen Lohn und aus den Trinkgeldern, die er hie und da bei Besorgungen erhielt, zu einem Berg. Es war kein Himalaja, es war gleichfalls nur ein Ameisenhäufchen, aber er hoffte, ihn mit der Zeit zu einem kleinen Hügel anschwellen zu sehen, von dem aus er in den Zeiten des Alters und der Gebrechlichkeit die Welt mit genügsamem Lächeln zu betrachten gedachte.

Und das wäre ihm vielleicht auch gelungen, hätte das Schicksal nicht mit ihm einen grausamen Scherz vorgehabt und ihn als Untermieter in die Wohnung des Drechslermeisters Bindegerst geführt.

Er war damals zweiundvierzig Jahre alt, und sein Herz zählte somit bereits zu jenen Zielscheiben, denen gegenüber es sich der kleine Gott Cupido erst dreimal überlegt, ehe er noch einen Pfeil daran wagt. Entschließt er sich aber dann doch dazu, so nimmt er keinen von den kleinen goldenen Pfeilen, die so süß schmerzen, sondern er schnitzt sich einen großen, plumpen Kloben zurecht, mit scharfen Widerhaken, und versieht dieses vermaledeite Geschoß, damit es auch recht zielsicher schwirre, noch eigens mit einem Propeller aus riesigen Eselsohren.

An jenem ersten März, als Adolf Borges mit seinem Handköfferchen die
Stiege emporschlenderte, um bei dem Drechslermeister das vermietbare
Dachzimmerchen zu besichtigen, spielte gerade ein Orgelmann im Hof den
populären Rheinländer:

»Katharinchen mit dem Selleriekopp,
Allez hopphopphopp! Allez hopphopphopp!«

Diesen Drehorgler hatte der hohe Schutzgeist der Junggesellen eigens in den Hof gestellt, um Adolf eine letzte Warnung zukommen zu lassen.

Da aber Adolf niemals einen Tanzboden besucht hatte und daher diesen Rheinländer nicht kannte, und da er andrerseits nicht wissen konnte, daß der Drechslermeister eine Tochter Katharina besaß, fruchtete die Warnung leider nichts.