Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er
den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: »Was machß'n Du da, ahl
Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dhät'n des hieführn, wann #mir
Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?!«

In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergänge in den Stadtwald oder in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie keinen Gefallen mehr an diesen Ausflügen gefunden. In der Regel saß sie Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, während Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte.

Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag stillsitzen mochte, machte eine Änderung des Sonntagprogramms notwendig. Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei einer günstigen Gelegenheit erklärte: »Adolf, mach's Gustavche fertich! Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe!«

Katharina stutzte. Dann sagte sie: »Schert Euch zum Deiwel!«

Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als aussichtslos aufgegeben und begnügte sich damit, Vater und Kind mit erprobter Technik #einzeln# zu quälen.

Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von
schwieligen Männerhänden geführt, durch die Stadt und ins Freie. Sein
Vater erklärte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den
Kinderaugen bieten, die Denkmäler, Kirchtürme, Bäume, Blumen, Wiesen,
Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den
Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straßenbahn, die
Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vögelchen.

Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schätze offenbarte allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen Fläschchen, Kämme, Bürsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich schneidigen Männerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den süßen Grisettenköpfchen, und — o Wunder! — da hingen auch Zöpfe, an denen gar kein Mensch wuchs!

Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergängen zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu erklären, dann erzählte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst für eine Märchenwelt zu bunt.

Wurde Gustav müde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine
Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank.

Während einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal plötzlich, indem er Adolfs Hand ergriff: »Adolf, — mich drickt ebbes! Des war damals net schee von merr mit dene vierdausend Mark … Ich hätt's net dhun gesollt …. awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne …«