Und er beschloß, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, und dachte schon daran, sein Dachstubenexil aufzugeben.

Aber der erste Annäherungsversuch wurde mit so unverkennbarem Hohn aufgenommen, daß er keinen zweiten wagte. Obwohl ihn Bindegerst dazu ermunterte.

»Du kannst sage, was De willst, Adolf, des war net gut, daß De da enuff gezoge bist! E Mann geheert bei sei Fraa! Sonst kimmt se uff dumme Gedanke! Odder hastde am End' noch die Absicht unn baust Derr e Nest uff de Schornstei' unn haust da drowwe als Klapperstorch?«

»Ich wollt, ich #wär# e Klapperstorch!« seufzte Adolf. »Dann könnt ich jeden Herbst nach Afrika ziehe, unn dhät merr die ahle Piramide aagucke unn dhät mit de Kamele e bissi polidisiern. Nor Kinner bringe dhät ich kaa. Dann ich glaab, ich könnt mich net trenne von dem Storchedeich. All die klaane Buwe unn Mädercher, wie se da erumplätschern in dem Deich unn uff de Blädder von dene Wasserrose Dambfschiffches fahrn, — Vadder, muß des schee sei'!«

Bindegerst ließ ihn stehen. Auch er hatte Adolf längst aufgegeben. Wenn er ihn sah, summte er vor sich hin:

»O Gummizell, o Gummizell,
Wie grien sin Deine Blätter!«

Im übrigen wich er Adolf aus, wo er irgend konnte. Es war, als habe der Alte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen, als fürchte er, das Gespräch könne auf ein Thema kommen, über das er nicht reden wollte oder durfte. Der ehedem so geschwätzige Drechslermeister wurde immer stiller, die Schnapsflasche war seine einzige Ansprache. Sie war von der heimlichen Geliebten zur offiziellen Kaiserin gestiegen, und Bindegerst hielt es für seine Pflicht, alle zehn Minuten eine Audienz bei ihr zu erbitten.

»Vadder, da steht Dei Schnapsflasch uff'm Disch!« mahnte Adolf einmal erschrocken, als er zum Nachtessen herunterkam.

Aber Bindegerst erwiderte: »Des is net die mei'! Die geheert'm Kättche!« Das hatte ihm einen tiefen Stich ins Herz gegeben. Also auch Käthchen fing an …

Aber er hatte nichts gesagt. Er wußte ja, sein Wort galt nichts. Vielleicht hatte Käthchen ganz recht, und es war tatsächlich das beste, das Leben, dieses zweifelhafte Geschenk, von dem man nicht wußte, ob es vom lieben Gott oder vom Teufel stammt, im Halbschlaf, in der Narkose des Alkohols zu verbringen? Vielleicht haben die Eltern Unrecht, die ihre Kinder zu eiserner Pflichterfüllung erziehen, und jene Leichtlebigen sind die besseren Eltern, die die Genußsucht ihrer Sprößlinge fröhlich und ungehemmt emporschießen lassen? Vielleicht ist der Fleiß nur eine törichte Angewohnheit, und die Ehrlichkeit nur eine Feigheit?