Ganz beschämt fühlte er sich, und wie abwehrend meinte er, in grenzenloser Verlegenheit: »Aber Adolf, Sie überschätzen das… Das ist gar kein so großes Opfer für mich!«
Adolf drückte seine Hand und flüsterte: »Ich waaß, Herr Baldrian, ich waaß!… Sage Se nix mehr, sage Se nix mehr… Ich waaß schonn!…«
Und nach einer Weile: »Sin Se froh, Herr Baldrian, daß merr uff der Gass' sin, unn daß die Laderne so hell brenne, — sonst dhät ich jedz vor Ihne nidderkniee… Herr Baldrian, Se wisse ja net, wie dankbar so e eisamer Mensch sei' kann!«
Oh doch, das wußte Heinrich Baldrian nur zu gut. Und deshalb sprach er im Weitergehen: »Adolf, ich bin vielleicht noch viel einsamer gewesen als Sie! Aber man muß das Leben nicht so wichtig nehmen. Schattenbilder, sonst nichts. Zur Freude am Leben gelangt man erst, wenn einem das Leben gleichgültig geworden ist. Der liebe Gott hat den Menschen aus Erde gemacht, heißt es — aber an dem Tag muß es beständig geregnet haben, und so ist der Mensch aus lauter Schmutz entstanden. Schmutz, wohin man sieht — vergoldeter Schmutz, versilberter Schmutz oder unbeschönigter, purer Schmutz. Aber das macht nichts. Das ist sogar ganz lustig, wenn man erst einmal dahinter gekommen ist. Solang man sein Glück von den Menschen erhofft, ist man zur Einsamkeit verdammt. Man muß sich jenseits des Lebens umsehen und seine arme Seele mit den überirdischen Stationen telephonisch verbinden lassen, mit der Religion, oder der Dichtkunst, oder der Musik, oder der Philosophie. Und das schönste ist: wenn man so mitten im besten Telephongespräch ist, dann merkt man auf einmal, daß das Fräulein in der himmlischen Telephonzentrale wieder einmal geschlafen hat, und daß man #mit sich selbst# verbunden ist.«
So redete Herr Heinrich Baldrian wohl eine halbe Stunde lang.
Aber Adolf Borges schüttelte verneinend den Kopf. »Se maane's gut, ich spier's, unn es dhut merr wohl, so wohl — awwer des is All zu hoch for mich! Ich geheer' scheints zu dem #unbeschönigte# Schmutz. Ich versteh nix von der Philosophie unn all dem Zeug, unn #wann# ich ebbes dervoo verstehn dhät, dhät merrsch aach nix nitze! Des verseehnt merr mei Kättche net, unnn gebbt merr aach mei Gustavche net widder. — Gu'n Nacht, Herr Baldrian! Schlafe Se wohl! Grieße Se merr des himmlisch Delefon, — awwer ich bin e armer Schlucker unn kann merr kaan Delefonanschluß leiste!«
Dies war der letzte Abend in Adolfs Leben, an dem die Nächstenliebe seinen Weg kreuzte. Und bald dämmerte der Abend, der sein letztes bißchen Glückshoffnung in Scherben schlug.
Er saß Katharina gegenüber am Abendtisch und würgte schweigend das bescheidene Essen herunter. Das war nicht das beseligende Schweigen, das zwischen zwei Freunden webt, die des groben Werkzeugs der Sprache zur Sicherung gegenseitiger Hingabe nicht bedürfen, ein verbittertes Schweigen war es, hinter dem das Mißtrauen lauerte, ein Schweigen, das die Angst vor bösen Worten diktierte.
Katharina hatte sich nach ihrer neuen Gewohnheit so durchdringend parfümiert, daß der süßliche Geruch sogar den scharfen Duft der marinierten Heringe übertäubte. »Wo nor der Vadder bleibt?« sagte Adolf schließlich. »Die Quellkartoffle wern ganz kalt.«
»Dann soll er se #kalt# fresse!« knurrte Katharina. »Ich habb'm schonn zwaamal gerufe, die Gorjel kann ich merr net aus'm Hals kreische!«