»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten Hungersnot?«

»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«

Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse, sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«

»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern alle Gefangenen zu Tode!«

»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.

Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen wollen ...

Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die Brust gesunken. Ich träumte:

Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht, sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem klugen Tier — aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O, mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und —

Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut schreiend geradeaus.

Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief, warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um es als Messer zu gebrauchen, und — spürte plötzlich einen Schlag gegen meine Achsel, der mich umwarf.