Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen. Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.

Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand löste und er aus seinem Krampfe erwachte.

Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust — der alte Mann wie ein Kind.

Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder auf sich selbst besonnen.

»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!« lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es kann dich den Kopf kosten!«

Ich bückte mich, las die Reste zusammen — und als ich mich wieder aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe her das Piepen einer Ratte — vermischt mit schluchzendem Kichern.

Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf zum heiligen Krieg.

Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die Engländer.

Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten Taten in der Regel die bittersten Schmerzen eintragen.

Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.