»Ich kann mich dessen, o Herr, was ich nur in meiner gegenwärtigen Erscheinung alles erlebt habe, durchaus nicht je einzeln ganz genau erinnern: woher sollt’ {354} ich mich gar an manche verschiedene frühere Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, und so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen, gleichwie etwa der Erhabene? Ja, o Herr, nicht einmal ein Irrlicht vermag ich jetzt wahrzunehmen: woher sollt’ ich gar mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, und erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, gleichwie etwa der Erhabene? Was mir nun erst, o Herr, der Erhabene da gesagt hat: ›Aber, Udāyī, sei es um den Anfang, sei es um das Ende: die Satzung werd’ ich dir aufweisen. Wenn Jenes ist, wird Dieses, durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses; wenn Jenes nicht ist, wird Dieses nicht, durch die Auflösung von Jenem wird Dieses aufgelöst‹, das ist mir noch viel weniger klar geworden. O dass ich nur, o Herr, bei meinem eigenen Lehrsatze dem Erhabenen durch die Lösung der Fragen zustimmen könnte!«

»Was hast du denn, Udāyī, für einen eigenen Lehrsatz?«

»Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz.‹«

»Was du aber da, Udāyī, als eigenen Lehrsatz also ansiehst, ›Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz‹, was ist das für ein höchster Glanz?«

»Ein Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Und was ist das, Udāyī, für ein höchster Glanz, über den es keinen größeren und helleren giebt?«

{355} »Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Lange noch kannst du also, Udāyī, fortfahren, wenn du sagst ›Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz‹, und diesen Glanz nicht erklärst. Gleichwie etwa, Udāyī, wenn ein Mann also spräche: ›Ich habe nach ihr, die da im ganzen Lande die Schönste ist, Verlangen, habe Sehnsucht nach ihr‹; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst und dich sehnst, kennst du diese, ob es eine Fürstin oder eine Priestertochter, ein Bürgermädchen oder eine Dienerin ist?‹; und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst und dich sehnst, kennst du diese, weißt du wie sie heißt, wo sie herstammt oder hingehört, ob sie von großer oder von kleiner oder von mittlerer Gestalt ist, ob ihre Hautfarbe schwarz oder braun oder gelb ist, in welchem Dorf oder welcher Burg oder welcher Stadt sie zuhause ist?‹; und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die du nicht kennst und nicht siehst, nach der verlangst du, sehnst dich nach ihr?‹; und er gäbe ›Ja‹ zur Antwort; was meinst du wohl, Udāyī: hätte nun nicht, bei solcher Bewandtniss, jener Mann unbegreifliche Antwort gegeben?«

»Allerdings hätte, o Herr, bei solcher Bewandtniss jener Mann unbegreifliche Antwort gegeben.«[124]

{356} »Ebenso nun auch, Udāyī, hast du gesagt ›Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz‹, und hast diesen Glanz nicht erklärt.«